Der Geist von Goethe

Einmalige Aufführung mit dem Kamina Dichterkollektiv/ Heidelberger Literaturtage 2017/ „Literarische Geisterstunde – eine Beschwörung von Dichtern, die in Heidelberg gelebt oder die Stadt besucht haben“.

\\Trommeln\\

Erzähler: „Am 28sten August 1749, Mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich: die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig, Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig; nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins umso mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen.“ (Zitat; Goethe)

1. Goethe wird gerufen
\\Glockengeläut\\
\\ „Goethe“ geht langsam über die Holzpaneele vom Eingang zur Bühne kommend, in der Mitte des Gangs stehen bleibend\\

2. Goethes Geist im Monolog (Goethe vermutet die Götter haben ihn nach Heidelberg bestellt)

Wer hat mich gerufen,
mich einbestellt?
Wer wagt es,
mich in meinem Himmelreich zu stören?
Sind es die Götter wiedermal,
wollen sie mit dem Teufel sich versöhnen?

Oh, meine Seele handeln sie –
hin und her,
doch ist sie mein,
und allen, die mich heute noch begehren.

Ihr Götter, sehet ein,
was hält mich noch in Ehren,
wenn nicht der Geist lebendig ist,
der Körper ist vergeben.

So gibt es Dichter meines Gleichen.
Muss ich es sein, dem ihr heut‘ Verse abverlanget?
Über Schönes, über Wein – ja!
Aber den Faust euch im dritten Teil zu geben?

Denkt nicht, ihr könntet den Geist
mit Alchemie wieder neu beseelen.

Ihr treibt doch nur die Menschen
aus ihren althergebrachten Leben.

Ich will nicht umziehen
in die neue kalte Welt.
Will in der Provinz, im Himmelzelt,
meine Zimmer selbst bestellen.
Mich rückbesinnen meiner Lieben,
auf dem Gras am Schloss liegen und sehen,
ob am Brunnen Worte blieben,
ob ihr Schatten auf der Bank wartend sitzt,
und ob ihr gabet meinen liebsten Bäumen einen Namen.

Ihr müsst nicht nach mir suchen –
In tiefer Nacht Geister zu beschwören?!
Was fällt euch ein?

Sitzet nur heiter an der Tafel
Im besten Geschwafel, erhitzt Gemüter und singt,
dann weil‘ ich mitten unter euch,
und höre, wie der Reim aus Wein und Worten klingt.

\\Die Götter (alle): Verweile doch…

Schmeichler
Glück und Heil
Heiteres kann ich euch nicht geben.
Vertagt sind Tugend, Moral und Sitte.
Meine Bitte, es liegt an euch es zu gewähren.
Des Übels bitteren Traum zu leben.

Der letzte Tropfen Frankenwein
ist ausgesoffen,
Und Finsternis kommt herein.
Wo sehe ich Leidenschaft noch?
Gesang und Liebe ?
Ihr dichtet, als hätte jeder Baum
eingefrorene Triebe.

Ich gehe.