Tanz der Polaritäten

Es kam mir fast ein wenig zu einfach vor, während ich die Pole „plus“ und „minus“ auf einen Zettel zeichnete. Blau und rot oder dunkel lila und orange je nach Lichteinfall. Kalt- und Warmwasser. Eis und Feuer. Sonne und Mond.

Mein Gegenüber malte ziel-gerade ein Yin und Yang Zeichen in Schwarzweiß, die Punkte darin in der jeweiligen Kontrastfarbe. Sein In-sich-hinein-Grinsen nervte mich, wahrscheinlich kannte er die Übung schon. Im Raum jedenfalls waren alle beeindruckt.

Das war an einem Samstag vor Weihnachten. Ich beschloss inmitten von hohen Decken und ausgewähltem Interieur, noch einmal neu zu beginnen. Mein Blick ruhte dabei auf einem Berg.  Durch den großen Fensterrahmen bot sich eine schöne Aussicht. Vielleicht war das Haus und seine Fenster zur Bauzeit genau auf den Berg ausgerichtet worden, das konnte mir hier niemand sagen. Ich öffnete die Fenster. Wenn die Luft dünn ist, kommen die besten Gedanken.

Heimaturlaub

Inzwischen war ich dem Nordpol schon etwas näher gekommen. Ich nahm den frühen Zug vor acht. Um diese Zeit gab es nur wenige Verspätungen und die Leute in den Zügen schliefen in ihren Sitzen. Manche deckten sich mit ihren Jacken zu als wären sie gerade von einer langen und anstrengenden Abenteuerreise heimgekehrt. Dabei war ihr Gesicht noch viel zu jung und zu glatt um wirklich von solch einer Reise zurückzukehren.
Im Schlaf sehen die meisten Menschen friedlich aus. Manche aber ruhten mit offenem Mund, den Kopf nach hinten abgekippt, den Rachen aufgesperrt und wenn es eine ganz und gar ungünstige Lage war, produzierten sie noch Geräusche dabei. Ich schämte mich für sie und hoffte gleichzeitig, nicht müde zu werden. Ein Maler müsste einige Schichten Lichtfarbe auftragen um daraus einen Moment zu formen.

Ich hatte meinen Platz gefunden, mich für die Reise eingerichtet. Die Landschaft zog am Fenster vorbei, mit etwas Glück sah ich ein paar Feldhasen und Rehe, zählte die Berge und beobachtete die Wetterschneisen in den mir bekannten Orten.
Fast war ich enttäuscht, dass es kein Gedränge im Gang gab, keine riesigen Taschen und Koffer, ja sogar noch leer stehende Abteile. Alles war anders als die Jahre zuvor, nicht besser oder schlechter, einfach nur anders.

Die Gespräche um mich herum fingen an sich zu Monologen zu entwickeln. Es gibt Menschen, die sich selbst gerne selbst reden hören. Den offenen Bereich einen Großraumwagens verwechseln sie mit einer Bühne. Sie nutzen die Gelegenheit aus, dass die Zuhörer um sie herum nicht fliehen können und sie wissen, dass nur selten jemand seine Stimme erhebt um Ruhe zu erbitten. Ich blätterte laut in Zeitschriften aber der Inhalt erschien mir auf einmal gewöhnlich, alle Bücher waren bereits ausgelesen oder beiseite gelegt, alle Notizen in diesem Jahr niedergeschrieben. Ich war nicht imstande, wegzuhören. Es war nicht möglich, dieses Geklopfe in ein Rauschen zu verwandeln – heute nicht.

Ich verteilte also meine Sachen auf zwei Sitze und machte mich auf den Weg ins Bordrestaurant. Dort gab es größere Fenster und die meisten Gäste waren vornehm zurückhaltend, schön distanziert mit sich selbst beschäftigt; mit dem Umrühren des Kandiszuckers im Tee, dem Abbeißen des  Croissants oder dem Einschenken des Wassers.

Für einen ganz kurzen Moment, für ein Zucken des Sekundenzeigers lang, wünschte ich mir ein Gegenüber. Mein Gegenüber würde wahrscheinlich das Restaurant im Zug grundsätzlich ablehnen, den Kaffee als zu hochpreisig empfinden, ja sogar anmaßend, aber dennoch, mir zuliebe wäre es so gekommen. Es wäre ein Hin und Her, ein Vor, ein Zurück, etwas mit unvollendeten Sätzen und Pausen dazwischen und auf einmal wäre es still und wir säßen zufrieden da ohne ein Gestern oder ein Morgen.

Ich blätterte in meinem Notizbuch, es hatte sich über das Jahr gefüllt mit Zeichnungen, gesammelten Phrasen aus Filmen, Lieblingswörtern, Artikeln aus Zeitungen, Mondphasen, Teesprüchen, Auszügen von Lieblingsliedern und Rezepten.

Ich freute mich über den motivierten Kellner, der im letzten Bahnhof zugestiegen war und alle Gäste mit seinem fröhlich beschwingten „Guuuuuuten Moooorgeeen“ begrüßte. Gleichzeitig wusste ich, dass diese Welle bei seinen grimmig hereinschauenden Kollegen an einer gläsernen Wand abprallen würde, es war ein Wald ohne Echo, eine Tasse ohne Grund und am Ende, wenn er mich fragt, was ich will, wird nichts mehr übrig sein von diesem Guten Morgen, nur noch der Morgen.

„Einen Milchkaffee und ein französisches Frühstück, bitte“. Ich sprach das sehr zeremoniell aus, so als wäre ich routiniert darin im Zug meinen ersten Kaffee einzunehmen und mir dabei geschäftige Notizen zu machen. Ich war schließlich Botschafterin, zwischen Ost und West, Nord und Süd, Himmel und Erde.

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