Reparatur

Ich kletterte die angelehnte Holzleiter hinauf, sah lieber nicht nach unten und hangelte mich auf das offene Dachgeschoss herüber. Auf dem Dachstuhl lag überall Stroh. Die Abendsonne färbte ein Goldgelb daraus, so dass ein fast heiliges Licht entstand.

Zum Glück hatte es seit Tagen nicht geregnet. Ich musste nur durch die Balken hindurchklettern und die Dachziegel vorsichtig wieder einhängen. Später nagelte ich von innen noch ein paar Bretter an, damit war das Leck behoben. Es war so einfach, dass ich mich fragte, warum vor mir niemand auf die Idee gekommen war – nicht einmal ich selbst.

Es war spät. Sehr spät. Zu dunkel um die Leiter wieder hinab zu steigen. Ich baute mir ein Nachtlager aus Stroh, ließ mich fallen, drehte mich solange bis ich die Sterne sehen konnte. Ich suchte den Nachthimmel nach dem Großen Wagen ab, zählte die Sterne der Deichsel Richtung Norden und fand den hellsten, Mizar. Ganz schwach sah ich auch Alcor, den Begleiter. Auf See hatte mir damals jemand erzählt, dass der Stern früher ein Sehtest für Krieger war.

Ich konnte nicht einmal meinen letzten Gedanken zu Ende bringen, da schlief ich mit einer Zufriedenheit ein, die ich nur kenne, wenn ich den ganzen Tag auf Wanderschaft gewesen bin.

Am Morgen erwachte ich von meinem Niesen. Ich wälzte mich noch ein paar Male hin und her bis das Licht des Sommermorgens mich zu sehr blendete. Ich gab auf. Stand auf. Streckte mich.

Kaffeeduft stieg in meine Nase, jemand musste in aller Früh schon in der Küche sein. Mir fiel ein, dass ich am Abend nichts mehr gegessen hatte. Mein Bauch wölbte sich nach innen und schickte mich hinunter in die Küche. Noch bevor ich in die Tür bog, hoffte ich, dass noch etwas Kaffee übrig ist, dass Baked Beans im Regal stehen und in meinem  Kühlschrankfach noch Toast und Eier sind. In letzter Zeit bedienten sich hin und wieder die studentischen Mitbewohner an meinen Sachen als hätten wir nie über die Einteilung der Fächer gesprochen. Es gibt Regeln und die müssen eingehalten werden, hatte mir damals die Sportstudentin aus Russland beim Einzug gesagt, als sie mir meinen Bereich zuwies. Scheinbar war ich die einzige, die einkaufen ging oder besser, die überhaupt das Haus verließ um einen Beitrag an der Gemeinschaft zu leisten. Ich war schon wieder auf 180, aber wahrscheinlich war es der Leere in meinem Bauch geschuldet. Erst Grundbedürfnisse prüfen, dann meckern. Den Spruch hatte ich an den Kühlschrank geklebt.

Alles war noch da und jemand hatte wirklich Kaffee übrig gelassen. Besser hätte der Tag nicht beginnen können.

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