Frische Luft Teil 2

Detonation

Gerade begann ich mich wieder zu orientieren und die frische Luft zu genießen. Ich lief an der Wasserader entlang Richtung Berg, als der Wirt mich plötzlich an meine linke Schulter fasste „Sie haben etwas vergessen!“.
Noch vollkommen irritiert über die neue Sanftheit in der Stimme, füllte sich meine Lunge mit Luft. Ich steckte in meiner Atmung fest und war zum Schweigen verdammt.

Er baute sich vor mir auf,  drückte mir das Buch in die Hand und ich konnte nicht mehr ausweichen, ihn anzuschauen. Von fern her kam ein lautes Donnergeräusch und eine Formation von Zugvögeln flog über die Dächer der Kleinstadt hinweg.

Unzählige Bildnisse erschienen wie Überreste aus einer anderen Galaxie. Ein Film rollte über die Laterna Magica und wies mir unbemerkt eine Rolle zu, für die ich mich nie empfohlen hatte. Eine Rolle, die mir mal gefiel und mal unwirklich erschien.

Vielleicht war es nur ein stilles Geheimnis zu einer zufällig gewählten Zeit an einem zufälligen Ort gewesen zu sein. Nur eine Kleinigkeit, ein Augenblick, ein Elektron auf der Außenschale eines Atoms, irgendetwas, was ich übersah, was aber die Geschichte ins Rollen brachte, diese kleine Geschichte, auch meine Geschichte, vielleicht die Geschichte von etwas ganz anderem.
Das anfänglich gezogene Ticket an der Pforte, das Schauspiel am Brunnen, der Engel auf der Leinwand  – irgendwo im Film musste es passiert sein, als es passierte, als eine Energieladung die nächste sprengte und mich wieder und wieder durch die Falltür schickte. Ich war ausgewählt worden eine widerwillig entgegengestreckte Hand zu billigen, Zwiebeln zu essen und andere Kräuter zu probieren, als ständiger Gast antike Schauplätze zu passieren, ein Geist an Häuserecken zu sein oder ein Fußgänger unter dem Licht der Straßenlaternen. Ich sah wie die Filmrolle sich aufwickelte, wie Steine als Sterne vom Himmel fielen und sich meine Wut mit dem aufsteigenden Qualm des Aufpralls in rote Staubwolken auflöste.

Ich atmete wieder und lächelte. Was hätte ich denn anderes tun sollen als den Regieanweisungen zu folgen. Ich hätte die Stadt verlassen können, wenn die Mauern nicht so hoch wären oder man hätte mich einfach über das Gartentor passieren lassen.

Noch immer stand er vor mir, seine Hände wollten das Buch nicht freigeben. Hände, die nie eine grobe Arbeit verrichtet haben, die für andere Dinge geformt wurden: zu schreiben, in Büchern zu blättern, zu zeichnen, ein Instrument zu spielen oder Kräuter zu verlesen. Seine angelegte Griesgrämigkeit war vollends verschwunden und wie ein Schleier zu Boden gegangen. Ich wünschte diese passierende Milde malen zu können und den Anmut der Stunde in Farbe zu tauchen. Schließlich soll die Ewigkeit davon erfahren. Noch bevor ich mich bedanken konnte, war er schon verschwunden und mit ihm die Geister. Es kam wieder die alte Stille, die denen überlassen war, die blieben.

Eine Amsel zwitscherte von der Dachrinne herunter. Es hörte sich wie ein Gelächter an. Ich sah zu ihr hinauf, fragte mich, wieviel Zeit wirklich vergangen war. Ob es Minuten, Stunden, Tage oder Jahre waren.

Unwirklichkeiten webten sich in den Morgen hinein und das Innen verschwamm harmonisch mit dem Außen. Körper, Geist, Straßenpflaster, Himmel und Berge, alles war zu einem Ganzen geworden, sogar das Gelächter des Vogels reihte sich wie eine Melodie mit ein.

 

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