Frische Luft

Eines Morgens erwachte ich von einem beißenden Geruch in der Nase. Ein Dunst aus altem Tabak und vergammelten Pflanzenresten umgab mich. Meine Kehle war trocken, so trocken, dass meine Zunge am Gaumen klebte. Ich muss am Tisch eingenickt sein.

Noch halb im Traum fielen die Bilder von der Decke herunter, Schachspieler saßen andächtig auf einem Teppich aus dunklen und hellen Flicken und schoben ihre idealisierten Figuren auf mögliche Koordinaten. Einer betätigte die Uhr, bei dem dumpfen Schellenton erschrak ich und klappte die Augen wieder auf.
„Na, junge Dame, wollen sie nicht einmal etwas frische Luft schnappen?“ Ich sah den Wirt eine Weile an. „Für mich einen Kaffee bitte.“ Das hatte ich auf dem Segelschiff gelernt: einfach die Stimme auf Bass stellen und immer schön laut heraus keifen.
Vor mir lag ein Buch. Jemand muss es liegen gelassen haben. Ich schlug die Titelei auf und las die Widmung. Aus Langeweile überflog ich die Seiten bis ich einen Satz fand, der mir gefiel. Ich kramte in meiner Tasche herum, zog eine alte Postkarte heraus und klemmte sie als Lesezeichen in die gebundenen Seiten.
Mit den Händen nahm ich mir die Haare aus dem Gesicht, um sie zu einem imaginären Zopf zusammen zu binden. Nach einem kurzen Moment ließ ich sie wieder fallen und sie hingen mir erneut vor den Augen. Das hatte sich wahrlich zu einem Tick entwickelt, der mich beruhigte. Ein Freund hatte mich darauf aufmerksam gemacht. Seither achte ich auf große und kleine Ticks bei mir und bei anderen – ein wahrliches Vergnügen.
Endlich kam der Kaffee. Zudem pfefferte der Wirt noch unaufgefordert die Tageszeitung auf den Tisch, so dass etwas Kaffee über den Rand schwappte. Ein ungehobelter Geselle. Hatte er nicht gesehen wie vertieft ich war?! Ich bat ihn um einen Eiswürfel, nur aus dem Grund, damit er noch einen extra Weg zurück legen musste. Solange wollte ich jetzt auch nicht mehr an diesem Ort verweilen und warten bis der Kaffee kalt ist.
 „Haben sie nichts schöneres vor?“ nuschelte er im Gehen. Dabei griente er so in sich hinein wie jemand der mit sich selbst in bester Gesellschaft war und keinerlei Reaktion erwartete.
Ich saß noch eine Weile im Rauch und schwärmte über die gelesenen Worte, dabei zog ich hin und wieder die Luft durch den Spalt des geöffneten Fensters ein bis ich schweigend aufbrach. Auf die Untertasse legte ich das abgezählte Geld für den Kaffee.
Mir fiel ganz plötzlich die grüne Wiese ein, oben auf dem Berg. Ich wollte nach den Schafen sehen.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s